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Dwar Torah Shabbat Lech Lecha 5787

Vor zwei Wochen haben wir Paraschat Bereschit gelesen. Gott segnet Adam und seine Frau: „Seid fruchtbar und mehrt euch.“ Doch kaum sind die beiden aus dem Garten heraus, erschlägt Kain seinen Bruder aus Neid. Zehn Generationen, so lehrt uns die Mischna in Pirkej Awot, vergehen von Adam bis Noach, und alle erzürnen sie Gott. Am Ende ist die Welt so voller Gewalt, dass Gott dem Projekt Schöpfung einen Neustart verpasst.

Noach, der Isch Zaddik, der Gerechte, soll der Anfang des zweiten Versuchs sein. Auch ihn segnet Gott. Aber kaum ist die Menschheit neu gestartet, geht es schon wieder schief. Die Menschen bauen den Turm von Babel und werden in alle Enden der Welt und in alle Sprachen zerstreut. Wieder vergehen zehn Generationen.

Und dann, im dritten Anlauf, fällt der Segen Gottes auf einen anscheinend ganz gewöhnlichen Menschen. Wir lernen ihn zuerst nur als Sohn und Bruder kennen: „Dies ist die Geschichte Terachs: Terach zeugte Awram, Nachor und Haran.“ Awram heiratet Sarai, und die Tora stellt sie uns mit einem einzigen Satz vor: „Sarai war unfruchtbar, sie hatte kein Kind.“ Und ganz unvermittelt spricht Gott zu Awram: Lech Lecha, geh du fort aus deinem Land, deiner Heimat, deinem Vatershaus. „Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Ausgerechnet ihn, dessen Frau kein Kind bekommen kann.

Raschi bemerkt dazu etwas Erstaunliches. Bis jetzt lag der Segen in Gottes Hand. Er segnete Adam, Er segnete Noach. Von jetzt an, sagt Gott zu Awram, liegt der Segen in deiner Hand. Und dieser Segen hat ein Detail, das es bei Adam und Noach nicht gab: „Durch dich sollen gesegnet werden alle Familien der Erde.“

Awram wird nicht statt der Welt erwählt, sondern für die Welt. Nechama Leibowitz sagt es so: Erwählung bedeutet nicht Privileg, sondern Verantwortung. Genau darüber möchte ich heute sprechen.

Wie ernst diese Verantwortung ist, zeigt sich schon wenige Kapitel später. Im Brit bein haBetarim, dem Bund zwischen den Stücken, kündigt Gott Awram an: „Wisse, dass deine Nachkommen Fremde sein werden in einem Land, das nicht ihres ist.“ We’inu otam, „man wird sie bedrücken und versklaven“. Und gleich im nächsten Kapitel lesen wir: „Sarai, die Frau Awrams, hatte ihm keine Kinder geboren. Und sie hatte eine ägyptische Magd, ihr Name war Hagar.“ Eine Ägypterin. Eine Sklavin. Eine Fremde im Zelt Awrams.

Zehn Jahre leben sie schon im Land Kenaan, und das Versprechen vom großen Volk ist noch immer nicht eingelöst. Also gibt Sarai Hagar ihrem Mann, damit sie durch sie ein Kind bekommt. Für uns klingt das befremdlich, im Alten Orient war es jedoch gängige Praxis, und in manchen Eheverträgen sogar Pflicht. Hagar wird schwanger, und plötzlich ist ihre Herrin „gering in ihren Augen“. Auch dafür kannte das damalige Recht eine Antwort: Nach dem Codex Hammurabi durfte eine Herrin eine Magd, die sich ihr gleichstellte, wieder zur Sklavin herabsetzen.

Und genau das tut Sarai: „Und Sarai bedrückte sie, und sie floh vor ihr.“ Wate’anneha. Dasselbe Wort wie im Bund zwischen den Stücken. Was Awrams Nachkommen in einem fremden Land angetan werden wird, tut Awrams Haus hier einer Fremden an. Die Tora nennt dieses fremde Land im Bund zwischen den Stücken nicht. Aber wer die Geschichte weiterliest, weiß, wohin sie führt: nach Ägypten. Und Hagar ist Ägypterin.

Wie konnte es so weit kommen? Ganz am Anfang des Kapitels steht ein kleiner Satz, den man leicht überliest. Als Sarai ihm ihre Magd anbietet, heißt es: „Und Awram hörte auf die Stimme Sarais.“ Wajischma, er hörte. Und als es Streit gibt, sagt er nur: „Siehe, deine Magd ist in deiner Hand. Tu mit ihr, was gut ist in deinen Augen.“ Awram hört, aber er hört nur eine Seite. Wer hört Hagar?

Hagar flieht in die Wüste. An einer Quelle findet sie ein Engel und fragt: „Hagar, Magd Sarais, woher kommst du und wohin gehst du?“ Sie kann nur die erste Hälfte beantworten: „Vor Sarai, meiner Herrin, fliehe ich.“ Wohin sie geht, weiß sie nicht.

Und dann sagt der Engel: „Du wirst einen Sohn gebären und ihn Jischmael nennen, denn Gott hat dein Elend gehört.“ Jischmael heißt: Gott wird hören. Und Hagar antwortet mit etwas, das in der Tora einmalig ist. Sie gibt Gott selbst einen Namen: „Du bist El Ro’i, ein Gott, der mich sieht.“

Als mein Sohn noch ein Baby war, konnte er nicht sagen, was ihm fehlt. Und trotzdem haben wir gelernt, sein Weinen zu hören und zu unterscheiden: Hat er Hunger, ist er müde, tut ihm etwas weh, oder will er einfach gehalten werden? Hören heißt nicht nur, Worte zu verstehen. Hören heißt hinhören, auch dort, wo jemand keine Worte hat. Hagar hat nicht gebetet. Sie hat nicht einmal geschrien. Und doch hat Gott ihr Elend gehört.

Das ist für mich die eigentliche Wucht dieser Geschichte. Den Gott, der die Schwachen und Bedrückten sieht und hört, verbinden wir mit dem Auszug aus Ägypten. Am brennenden Dornbusch sagt Er zu Mosche: „Wahrlich gesehen habe Ich das Elend Meines Volkes in Ägypten, und sein Schreien habe Ich gehört.“ Und der Bauer, der seine Bikkurim in den Tempel bringt, sagt: „Der Ewige hörte unsere Stimme und sah unser Elend.“ Sehen und Hören. Das ist der Gott des Auszugs.

Aber zum ersten Mal zeigt sich dieser Gott nicht Israel in Ägypten. Er zeigt sich einer Ägypterin, im Land Kenaan, die aus dem Zelt Awrams vor Unterdrückung geflohen ist. Bevor Gott unser Schreien in Ägypten gehört hat, hat Er das Elend einer Ägypterin gehört, die vor einem Hebräer geflohen ist.

Die Tora erzählt das, ohne es zu beschönigen, aber sie urteilt nicht. Der Engel schickt Hagar sogar zu Sarai zurück. Unsere Kommentatoren dagegen schweigen nicht. Der Ramban schreibt ohne Umschweife: „Unsere Urmutter hat mit dieser Bedrückung gesündigt, und auch Awraham, weil er es zuließ.“ Sarai hat nichts Verbotenes getan. Sie hat nach dem Recht ihrer Zeit gehandelt. Und doch nennt der Ramban es Sünde. Was legal ist, ist noch lange nicht gerecht.

Und als Israel selbst die Tora bekommt, steht genau diese Lektion als Gesetz darin, im Buch Schemot, im Kapitel 22: „Einen Fremden sollst du nicht kränken und nicht bedrängen, denn ihr wart Fremde im Land Ägypten. Keine Witwe und keine Waise sollt ihr bedrücken. Wenn du sie doch bedrückst und sie zu Mir schreien, werde Ich ihr Schreien hören.“ Dieselben Worte wie bei Hagar finden wir hier als Echo wieder: Bedrücken und hören.

Wir sagen jeden Tag: Schma Jisrael. Meist übersetzen wir: Höre, Israel. Man kann es auch schärfer verstehen: Hör zu, Israel! Hör hin! Und gleich danach heißt es: We’ahawta, „Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben.“ Was das bedeutet, sagt Mosche wenige Kapitel später selbst, im zehnten Kapitel von Dewarim. Gott „schafft Recht der Waise und der Witwe und liebt den Fremden“. Und gleich darauf: „Auch ihr sollt den Fremden lieben, denn ihr wart Fremde im Land Ägypten.“ Gott lieben heißt lieben, was Gott liebt.

Jeden Morgen beten wir es im Psalm 146, dem ersten der Halelujahs: „Der Ewige behütet die Fremden, Waise und Witwe hält Er aufrecht.“ Wenn wir die Kinder Awrahams sind, dann ist das unsere Erwählung. Kein Privileg, sondern die Pflicht, zu hören, wie Gott hört, und zu sehen, wie Gott sieht, und zu lieben, wen Gott liebt. Gerade die, die bei uns fremd sind. Gerade die, über die wir Macht haben.

Mögen wir den Segen, der seit Lech Lecha in unseren Händen liegt, so tragen, dass durch uns wirklich alle Familien der Erde gesegnet werden. Und mögen wir hören, wenn jemand in unserem Zelt weint, bevor er in die Wüste fliehen muss.

Schabbat Schalom.

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