Wir befinden uns ganz am Ende der langen Rede, die Mosche am Ufer des Jordan an Bnei Jisrael hält. Es ist einer der letzten Momente, die das Volk gemeinsam mit ihm erlebt, denn bald wird es ohne ihn ins Land ziehen. Unsere Parascha beginnt mit den Worten "Ki Tavo el Ha'aretz" – "wenn du in das Land kommst", und diese Formulierung nimmt genau diesen bevorstehenden Übergang vorweg. Man merkt an diesen Versen, dass wir kurz vor etwas Großem stehen. Es ist aber auch aus einem zweiten Grund eine besondere Stelle im Text. Mit unserer Parascha endet auch der große deuteronomistische Gesetzeskodex, der seit Kapitel 12 läuft. Und ausgerechnet an dieser Nahtstelle passiert etwas, das es in der Tora vorher so noch nicht gab. Der Text hört auf, nur Gesetz zu sein, und präsentiert uns eine Liturgie. Zum ersten Mal bekommen wir konkrete Worte in den Mund gelegt, Worte, die uns zeigen, wie und was wir zu Gott sprechen sollen. Genau darüber möchte ich heute Abend sprechen. Die...
Diesen Shabbat war ich wiedermal in Dresden. Dies ist meine zweite Dewarim Dwar Torah, die ich gerne mit euch hier zweisprachig teile. Die erste findet ihr hier . Dieser Schabbat, der Schabbat vor Tischa beAv, heißt auch "Schabbat Chason" – benannt nach der Haftara aus Jesaja: "Chason Jeschajahu", die Vision Jeschajahus. Ein seltsamer Name für diesen Schabbat. Eine Vision, ein Chason, verbinden wir normalerweise mit Hoffnung, mit einem Blick nach vorn. Aber Jeschajahus Chason ist keine Verheißung, sondern eine Anklage: ein Volk, das Opfer bringt, ohne gerecht zu handeln; eine Stadt, die einst treu war und nun zur Hure geworden ist. Es ist eine Vision der Zerstörung, bevor sie geschieht. Und genau das ist der Schlüssel. Die Propheten – nicht nur Jeschajahu – prophezeien nicht den Untergang als Schicksal. Sie warnen nur davor. Jede Prophezeiung der Zerstörung ist, ihrem Wesen nach, ein letzter Ruf zur Umkehr. Hätte Israel gehört, wäre nichts von alledem eing...